Grüß Gott

… in der evangelischen Kirchengemeinde Fürstenzell

Die evang.-luth. Kirchengemeinde Fürstenzell erstreckt sich „zwischen Donau, Inn und Rott“ und umfasst ein großes Gebiet von Neuhaus, Sulzbach und Neuburg am Inn bis hinauf in den Neuburger Wald kurz vor das Donautal. Knapp 1200 Evangelische leben hier.

Die Christuskirche ist der Mittelpunkt des Gemeindelebens. Sie wurde 1954 in Fürstenzell erbaut, nachdem viele evangelische Kriegsflüchtlinge sich hier angesiedelt hatten. Im Jahr 2003 wurde sie umgebaut und den modernen Ansprüchen der Gemeinde angepasst.

 

 

Ochs und Esel und der verdammte Antisemitismus

Würde man hierzulande eine Umfrage starten, welche Tiere im Stall bei der Geburt Jesu mit dabei waren, dann würde das Ergebnis mit ziemlicher Sicherheit so ausfallen: Ochs und Esel, das weiß man doch. Sie gehören selbstverständlich zu jeder Darstellung der Weihnachtskrippe dazu.

Ja, in der Tat, auch auf der Kulisse für unser Krippenspiel sind sie zu sehen. So wird dieser Holzschuppen sofort als Weihnachtskrippe und Ort der Geburt des Christkindes erkenntlich.

Aber warum ist das eigentlich so? Woher wissen wir denn, dass ein Ochse und ein Esel in diesem Stall standen, der Maria und Josef zur Zuflucht wurde für die Niederkunft?

Die biblische Geschichte, die vom Platzmangel in der Herberge, von der Krippe und von den Hirten auf dem Feld berichtet, erzählt uns der Evangelist Lukas.

 

„Und als sie (Maria und Josef) daselbst (in Bethlehem) waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde (…) Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.“

 

Diese wenigen Worte reichen aus, um alle Jahre wieder ein Krippenspiel um das Drama der Herbergssuche und die Freude der Geburt auf die Beine zu stellen. Von Ochs und Esel ist bei Lukas allerdings überhaupt nicht die Rede, und auch der Evangelist Matthäus steuert zwar den Besuch der Weisen aus dem Morgenland bei, aber von einem Stall weiß er gar nichts, schon gar nicht von Ochs und Esel.

Ist die Tiermenagerie also nur gut erfunden? Weil Ochs und Esel halt in einen Stall gehören? Nein. Es gibt tatsächlich einen handfesten Grund, wie die dahin kommen und damit sind wir bei unserem Thema.

 

Von Anfang an haben Christen ihre Glaubenserfahrungen im Lichte des Alten Testaments gelesen. Die jüdische Bibel war ja ihre Heilige Schrift, vor allem solange es noch kein Neues Testament gab, aber auch danach. Der Evangelist Matthäus betreibt dies besonders intensiv: Der Messias wurde von den alttestamentlichen Propheten verheißen, in Jesus haben sich diese Verheißungen erfüllt. So lesen auch wir heute noch die Verheißungstexte besonders des Propheten Jesaja im Weihnachtsgottesdienst und verstehen sie als Hinweis auf Jesus: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel“ (Jes 7, 14; zitiert in Mt 7, 14).

Auch in späteren Jahrhunderten, als es das Neue Testament längst gab, ist man so verfahren, wenn auch nicht immer besonders feinfühlig. Kirchenväter, also die bedeutendsten Kirchenlehrer der ersten Jahrhunderte, griffen als erste ab dem 4. Jahrhundert einen anderen Vers aus Jesaja auf.

Zu Beginn des Buches des Propheten Jesaja wird ein bitteres Prophetenwort Jesajas zitiert, eine „Anklage Gottes gegen das abtrünnige Volk“. Der Prophet Jesaja ruft das Volk der Israeliten zur Umkehr:

 

„Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der Herr redet: Ich habe Kinder großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen! Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“ (Jes 1, 2+3)

 

Was ursprünglich eine innerjüdische Kritik war, wird in den Händen der christlichen Kirchenväter wie Gregor von Nyssa zur herablassenden Verurteilung: Seht her, selbst Ochs und Esel kennen ihren Herrn, aber ihr Juden habt den Messias nicht erkannt und angenommen.

Im 7. Jahrhundert nimmt sich das apokryphe (also nicht in die Bibel aufgenommene) Pseudo-Matthäus-Evangelium der legendarischen Kindheitsgeschichten Jesu an und schreibt:

 

„Am dritten Tag nach der Geburt des Herrn verließ Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe, und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: ‚Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.‘“

 

Auch diese Schrift folgt der Logik: So muss es gewesen sein, denn schon Jesaja spricht davon. Seit den Kirchenvätern (4. Jh.) und spätestens seit dem 7. Jh. gehören Ochs und Esel zur festen Ausstattung der Krippe. Der antijudaistische Hintergrund dieses Motivs, der in der Anklage der Juden bestand, dürfte heute kaum noch jemandem bekannt sein. Außerdem fügen sich Ochs und Esel ja auch nachvollziehbar in die Stallszene ein.

 

Wir wissen aber auch, wie sich christlicher Antijudaismus, also die Ablehnung von Juden aus religiösen Beweggründen, zu Antisemitismus, also blankem Judenhass, steigern kann. Nur zu gerne bedienen sich Antisemiten ja auch der alten christlichen Vorurteile („die Juden haben den Herrn Jesus umgebracht“, vgl. 1 Thess 2,14-16), ob sie stimmen oder nicht. Auch das Neue Testament ist von solchen Vorurteilen keineswegs frei, die Phase der Loslösung des jungen Christentums von der jüdischen Mutterreligion brachte sehr hässliche Begleiterscheinungen mit sich. Davon sollten sich Christen ein für alle Mal lösen, denn wer Anlass zum Judenhass gibt, der versündigt sich an Gottes ersterwähltem Volk. Der Apostel Paulus, der wie alle frühen Christen Jude war, hat im erwählten Gottesvolk Israel und im Judentum die unaufgebbare Wurzel und den bleibenden Existenzgrund der Christenheit und der Kirche gesehen (Röm 9-11). Dies gilt noch heute und daran orientieren wir uns.